Mein heutiger Tag war gepraegt von zwei starken Erlebnissen. Einem erfreulichen und einem erschreckenden.
Mein hiesiger abuelito (Opa) , Don Juan, feierte seinen 90. Geburtstag. Dazu fand sich die ganze Grossfamilie ein. Seine Geschwister, Soehne mit Familie, Enkel, Urenkel, Neffen und Nichten. Wir waren rund 40 Personen.
Die Grossfamilie Carrasco gehoert nach meinen Beobachtungen zur mittleren/gehobenen Schicht Boliviens. Alle haben eine gute Bildung, verfuegen ueber ein gewisses Vermoegen, sind aber nicht so reich wie die Villenbesitzer in der Zona Sur. Anfangs unterstuetzten sie Evo Morales, sind aber jetzt groesstenteils von seinem politischen Kurs enttaeuscht. Sie sind stolz, aber nicht zu stolz auf ihr Land. Die meisten Sachen kaufen sie auf den Strassenmaerkten, goennen sich aber auch mal den Gang in den Supermarkt oder in auslaendische Modegeschaefte. Die Grossfamilie Carrasco ist weltoffen und schaetzt leichten kulturellen Einfluss von ausserhalb.
Man haelt einige Geburtstags- und Dankesreden auf Don Juan. Danach stimmt man das, auf der ganzen Welt einheitliche, Geburtstagslied an. Doch anstatt der spanischen Version, singt man Happy Birthday. Ich bin leicht enttaeuscht, bis man in der zweiten Strophe auf das spanische Feliz Cumpleaños wechselt. Diese Strophe singt man schneller und klatscht dazu. Die Gaeste laecheln mehr, scheinen froehlicher und sind offenbar gluecklich darueber, nun in ihrer Muttersprache zu singen. Die englische Strophe scheint wie eine Pflicht gewesen zu sein, die spanische dagegen der richtige Geburtstagsglueckwunsch. Unwillkuerlich strahle ich ueber das ganze Gesicht. Diese simple Szene macht mich gluecklich. Sie zeigt, dass US-amerikanische Soft Power zwar ihren Einfluss hat, das wahre Gesicht der Carrascos aber durch und durch bolivianisch ist. Dass Don Juan in Wahrheit erst 89. wurde, passt da gut dazu.
Nach der Geburtstagsfeier gehen meine Gastfamilie und ich zu einer Freundin zum Kaffeetrinken. Bei dieser logiert derzeit auch ein pensionierter Onkel. Er ist Arzt, hat lange in Brasilien gelebt und gearbeitet, kennt den Kontinent gut und veroeffentlicht in wenigen Tagen sein Buch Sozialismus und das 21. Jahrhundert, fuer das er anscheinend 40 Jahre lang recherchiert hat. Dieser Onkel sitzt mit uns am Kaffeetisch und bestimmt bald das Gespraechsthema.
Don Daniel, der Onkel, redet ueber das, was in seinem Buch steht. Ueber Kolonialismus und Imperialismus, Globalisierung, Kommunismus, die politischen und wirtschaftlichen Strukturen Suedamerikas und darueber, dass China den USA bald den Rang als Wirtschaftsmacht Nummer Eins ablaeuft. Don Daniel redet gut, anschaulich, mit persoenlichen Erfahrungen und huebschen Zahlen und Fakten versehen. Auch wenn der Inhalt fuer jemanden, der sich mit Politik und Geschichte einigermassen auskennt, nichts Neues bringt, gefaellt mir das Gespraech.
In Bolivien ist der Schulunterricht in Geschichte sehr auf das eigene Land und den eigenen Kontinent beschraenkt. Ueber den 2. Weltkrieg lernt man sehr wenig oder gar nichts. Man kann Schueler mit dem Hakenkreuz auf dem Rucksack sehen und Mein Kampf in den Buchhandlungen kaufen. Bei manchen Bolivianern spuert man, mangels ausreichendem Wissen, eine latente Bewunderung fuer Nazi-Deutschland. Nach dem 2. Weltkrieg haben sich einige Nazis in Bolivien niedergelassen. Einer von ihnen, Klaus Barbie, hat es hier bis zum Polizeichef gebracht.
Don Daniel beschimpft den US-amerikanischen Imperialismus. “Und wer regiert die Amerikaner? Der Jude!” Die Juden seien an allem schuld. Sie kontrollieren die Weltwirtschaft und -politik. Ich widerspreche. Das Gespraech wird heftiger. Ich hoere: “Vielleicht hat Hitler es doch richtig gemacht.” Ich widerspreche und verzweifle. Ich werde wuetend und traurig. Nach dieser Episode kann ich nicht mehr sprechen. Ich starre fassungslos vor mich hin. Dieser locker vorgetragene Antisemitismus laehmt mich. Ich kann kaum erklaeren, was es fuer einen Deutschen, der dieses Kapitel deutscher Geschichte fuer das schrecklichste der Weltgeschichte haelt, bedeutet, so etwas zu hoeren. In Bolivien gibt es leider einige Tendenzen zum Antisemitismus. Und es sind vor allem die “Intellektuellen”, die ihn vertreten.