Evangelischer Party-Fundamentalismus

Ein Saal voller Menschen. Live-Musik. Die Menge tanzt, singt, schreit und scheint gluecklich. Viele richten ihre rechte Hand gen Himmel. In einer Ecke steht, kaum zu bemerken, ein kleines weisses Kreuz.

Ich war gestern in der Kirche Kairos. Kairos ist eine „neue“, protestantische Kirche. Die Kinder der Alalay-Heime muessen diese Kirche regelmaessig besuchen. Dort lernen sie dann Gottes Liebe und den Gehorsam ihm gegenueber, die Bibel als die einzige Wahrheit anzuerkennen, die Evolutionstheorie zu leugnen oder Homosexuelle zu diskriminieren.

In Deutschland habe ich gedacht, dass die Menschen in Bolivien ueberwiegend eine Mischung aus Katholizismus und traditionellen Religionen praktizieren. Doch das trifft nur bedingt und eher fuer die (aermere) Landbevoelkerung zu. Kairos ist nur eine der „neuen“ Kirchen in Bolivien. In den letzten zehn Jahren sind sie hier alle aus dem Boden gesprungen: Mormonen, Methodisten, Adventisten, Zeugen Jehovas etc. In jedem Stadtviertel gibt es mehrere solcher Zentren. Viele Bolivianer besuchen sie. Taeglich sind es mehr. Alalay folgt streng der Kairos-Linie. Mein Gastonkel und seine Familie bringen sich immer mehr in einer dieser Kirchen ein. Die Schule meiner Gastschwester ist an eine methodistische Kirche angegliedert. Und kuerzlich wurden wir bei Freunden mit der Absicht, uns von der Kraft und Energie eines „adventistischen“ Zentrums zu ueberzeugen, zum Essen eingeladen.

Der Gottesdienst in Kairos hat nichts mit einem katholischen Gottesdienst zu tun. Alles ist auf locker, trendig gemacht, die Leute sind vorwiegend jung und aus wohlhabenden Familien (ausser den Alalay-Kindern). Man fuehlt sich eher auf einer Party als im Gottesdienst. Vor allem vielen jungen Menschen gibt diese Glaubensrichtung Halt. Sie haben Probleme, wenden sich zu Gott, er schenkt ihnen Liebe und alles ist gut. Sie geben an, eine spirituelle Kraft zu erfahren, die ihnen „neues Leben“ schenkt. Sie entscheiden sich fuer die Bibel und den Señor und sind davon nicht mehr wegzubringen. Hier entsteht Fanatismus. Wer alles aus der „Heiligen Schrift“ fuer bare Muenze haelt, verschliesst seine Augen vor der Gegenwart und Realitaet. Auf diese Weise bildet sich beispielsweise Diskrimination gegen Homosexuelle heraus. Wissenschaftlicher Lehren werden geleugnt. Die evangelische Kirche wurde im Zuge der Reformation letztendlich mit der Absicht gegruendet, eine liberalere Kirche als die hierarchische Katholische zu sein. In Bolivien hat sich das ins Gegenteil gewendet. Hinter dem liberalen, modernen, „neuen“ Mantel verbirgt sich hier Fundamentalismus. Ich behaupte das ist eine Gefahr.

In ganz Lateinamerika ist dieser protestantische Fundamentalismus auf dem Vormarsch. Bekanntlicherweise sollen „arme“ Gesellschaften besonders anfaellig fuer Extremismus und Fundamentalismus sein. Wenn man nun bedenkt, dass diese „neuen“ Kirchen ihren Ursprung in den USA haben, kommt man nicht umhin sich die Frage zu stellen: Haben wir es hier mit einem neuen Mittel des Imperialismus zu tun?

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Eine Antwort zu “Evangelischer Party-Fundamentalismus

  1. „Haben wir es hier mit einem neuen Mittel des Imperialismus zu tun?“

    Was? Wie kommst du den darauf? Alles was irgendwie mit den Staaten zu tun hat, ist imperialistisch?

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