Pilgerreise ins Neue Jahr

Der Altiplano vor der Cordillera Real

Sonntag. Frueh machen sich Manuel und ich auf den Weg nach El Alto. Dort treffen wir Juan Carlos. Kurz besuchen wird die feria, einer der groessten Maerkte Lateinamerikas. Zum Fruehstueck gibt es Kaffe und Llaucha, eine, mit Kaese gefuellte, Teigtasche. Manuel kauft sich spontan eine nostalgische analoge Spiegelreflex-Kamera der sowjetischen Marke „Zenith“, mit der wir noch viel Spass haben sollten.

Anderthalb Stunden spaeter sind wir auf dem campo, dem Land. Wir besuchen das Dorf, aus dem die Famile von Juan Carlos stammt. Alles ist ruhig, kein Motorengeraeusch stoert uns. Die meisten der wenigen Haeuser sind aus Lehm, die Daecher aus Schilf oder Wellblech. Fuer die Landwirtschaft benutzt man hier Esel und die eigenen Haende. Das hier ist campo campo, laendlicher geht es nicht. Ich fuehle mich zeitlich zurueckversetzt. Mir gefaellt diese Idylle und Ruhe.

Juan Carlos und seine Familie erklaeren Manuel und mir den Herstellungsprozess zweier, fuer den Altiplano typischen, Kartoffelsorten, der chuño und der tunta. Wir sehen die Felder der Familie von Juan Carlos. Sein Grossvater hat diese noch nach tiwanakotischem Vorbild angelegt, einer Kultur, welche das bolivianische Hochland bis ins 13 Jhr. bewohnte. Ein System aus Wassergraeben verhindert, dass die Kartoffeln bei den eisigen Temperaturen des Altiplano gefrieren. Das Wasser wird von der starken Nachmittagssonne aufgewaermt, speichert diese Waerme in der Nacht und haelt so die umliegenden Inseln mit den Kartoffeln warm.

Nach dem Mittagessen, bestehend aus Kochbananen, kaltem Rindfleisch, „normalen“ Kartoffeln und oca, einer weiteren Kartoffelsorte, beschliessen wir drei spontan nach Tiwanaku zu wandern. Dort sollte bei den ersten Sonnenstrahlen am Montag, dem 21. Juni, der solsticio, die Sonnwende, gefeiert werden und damit das Neue Jahr nach dem andinen Kalender beginnen.

Wir finden den Weg, bzw. die Richtung, mittels Durchfragen. „Geht in diese Richtung und in drei Stunden kommt ihr in Tiwanaku an.“, sagt man uns. Anfangs durchqueren wir noch zwei Doerfer und werden spontan zu einem kleinen Dorftreffen eingeladen. Purer Alkohol, verduennt mit etwas Wasser, wird getrunken. Manuel meint, dass wir vielleicht die ersten Gringos sind, die dieses Land betreten. Nach der fiesta kommen keine Haeuser mehr. Fuer den Rest des Weges sind wir ganz allein auf dem Altiplano. Von Zivilisation keine Spur. Im Hintergrund die Andenkordillere und der Lago Titicaca. Alles ist still. Es ist schon dunkel und kalt geworden. Mehr als drei Stunden laufen wir schon. Dann besteigen wir einen Huegel und vor uns liegt Tiwanaku.

In Tiwanaku bereiten sich schon alle auf die Neujahres-Feier vor. Jede Minute kommen mehr Menschen in das Dorf. Bald ist der ganze Platz bevoelkert. Es gibt folklorische Live-Musik. Die Menge tanzt, trinkt und feiert. Es ist extrem kalt. Mitten auf dem Platz stellen wir unser Zelt auf und versuchen etwas zu schlafen. Vielleicht eine Stunde. Dann schliessen auch wir uns der Feier an. Mit Alkohol und Tanz waermen wir uns etwas auf.

Gegen 5 Uhr morgens machen sich alle auf zu den Ruinen der Tiwanaku-Kultur. Manuel und ich stellen uns geschickt an und ueberzeugen die Ticket-Verkaeufer, dass wir Bolivianer sind. Man laesst uns fuer 15 Bs, statt den 80 Bs fuer Auslaender in die Ruinen. Kurz nach 6 Uhr beginnt das Warten auf den Sonnenaufgang. Aufgrund der ausgekleugelten Architektur der Ruinen, sollen die ersten Sonnenstrahlen direkt durch ein Tor fallen und damit das Jahr 5518 beginnen. Leider ist jedoch der Himmel bewoelkt und die Sonne kommt zu spaet durch. Ein Ritual fuer den Sonnengott Inti wird gehalten. Praesident Evo Morales richtet ein paar Worte an die Menge, bricht aber ab als er merkt, dass er sich nicht mehr allzu grosser Beliebtheit unter den Bolivianern erfreut. Erschoepft und todmuede verlassen wir die Feier und fahren mit dem Bus nach La Paz. Diese kleine Reise in das neue Jahr war fuer mich etwas ganz Besonderes. Wie Pilger haben wir den Altiplano durchquert und vielleicht das erste Mal so richtig den bolivianischen campo wahrgenommen.

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Eine Antwort zu “Pilgerreise ins Neue Jahr

  1. hey simon! das tönt ja abenteuerlich. aber mich nimmts ja also wiiiiirklich wunder, wie du dich als bolivianer durchmogeln konntest 🙂
    gute heimreise!
    veronika

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