La vida aparte/Das andere Leben

Diesen Artikel habe ich mit Juan Carlos fuer den aktuellen Hormigón Armado (Juli-August) geschrieben und nun fuer euch ins Deutsche uebersetzt.

Augusto Carpio Rodríguez ist 66 Jahre alt. Seit 50 Jahren arbeitet er als Schuhputzer im Zentrum von La Paz. Augusto hat Familie, ist seit 48 Jahren verheiratet, hat 4 Kinder, 9 Enkelkinder und 4 Urenkel. Mit 9 Jahren verlor er seine Eltern und musste sich fortan selbst versorgen. Auf der Strasse putzte er Autos, verkaufte Zeitungen und arbeitete schliesslich als lustrabotas (Schuhputzer). Das Leben auf der Strasse bereits in jungem Alter lernte ihn sich selbst und andere mit den eigenen Haenden zu verteidigen; er kaempfte fuer Lebensraum und Respekt. So kam es, dass Augusto einer der besten Boxer Boliviens wurde.

Viele Menschen gehen davon aus, dass das Leben, der auf der Strasse arbeitenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen nur aus ihrer Arbeit und den negativen Dingen des Lebens, wie den Drogen, der Clefa (Leim, der geschnueffelt wird), dem Alkohol, der Faulenzerei und dem Diebstahl, besteht. Jedoch haben auch diese Personen ein anderes Leben. Auch sie haben das Beduerfnis nach Entspannung und Ablenkung. Viele von ihnen spielen Fussball, machen Musik oder nehmen an kulturellen Aktivitaeten teil. Darueberhinaus besteht auch die Notwendigkeit die berufliche Perspektive zu verbessern: Die Schule zu beenden und eine technische oder akademische Ausbildung zu beginnen.Ein Beispiel fuer vorhandenen Ehrgeiz ist die Fussballmannschaft „Jiska Nacional“ (die Kleine Nationale), die aus Spielern, die auf der Strasse arbeiteten, bestand und die in der ersten Liga Boliviens spielte. Ein anderes Beispiel ist die Teilnahme von Augusto Carpio Rodríguez bei internationalen Box-Turnieren.

Mit 18 Jahren nahm Augusto an ersten, regionalen Turnieren teil. 1964 und 1965 wurde er bolivianischer Meister. Als nationale Nummer Eins vertrat er Bolivien im Ausland. Die Teilnahme an internationalen Meisterschaften war eine Ehre fuer „Papiso“, wie Augusto von seinen Gefaehrten auf der Strasse genannt wurde. „Das Leben als Boxer war schoen.“, sagt Augusto nachdenklich und fuegt hinzu: „…aber es ging nur um die Ehre, Geld habe ich keins bekommen.“ Mit 24 Jahren gab er das Boxen auf, enttaeuscht von der fehlenden Unterstuetzung des Staates. Waehrend er als Boxer Bolivien international vertrat, musste er aus finanziellen Gruenden weiterhin Schuhe putzen. Auch jetzt putzt er noch.

Es ist wichtig das Leben solcher Personen zu kennen und nicht vorschnell zu urteilen. Wir alle haben ein unterschiedliches Leben, haben verschiedene Aktivitaeten und Beduerfnisse. Es waere wichtig unsere Gesellschaft zu kennen und sich ihr gegenueber nicht zu verschliessen, die Ausgrenzung anderer zu vermeiden. Auf dieser Basis gilt es eine tolerantere und verstaendnisvollere Gesellschaft zu bilden.

Der „Papiso“, Augusto Carpio Rodríguez, ist gluecklich. Er ist gluecklich mit seiner Familie, mit seinem „anderen“ Leben, mit seinen Errungenschaften. Doch gleichzeitig ist der Boxer von der Strasse erschoepft: „Ich werde Schuhe putzen bis ich sterbe.“

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