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Jallalla

Jallalla (aymara) = Que viva! (esp.) = Es Lebe! (Aussprache: Chajlajla)

Diego spielt mir  Flamenco-Aufnahmen vor. Lieder die er zusammen mit Limber und René komponiert hat. Es sind schoene Lieder. Diegos Geige verbreitet eine melancholische Atmosphaere. Die Sonne scheint. Draussen im Flur spielen ein paar der Jungs Fussball. Es sind meine letzten Momente im Eguino, meinem Projekt. Es sind Momente, die Hoffnung machen auf eine gute Zukunft der Jungs. Vielleicht werden sie irgendwann einmal Aerzte, Schriftsteller, Musiker oder Profifussballer sein.

Dies ist mein letzter Eintrag. Heute Nacht trete ich meine Rueckreise an. Ich will diesen Blog nicht traurig beenden. Das wuerde nicht das wiederspiegeln, was ich in diesem Jahr in Bolivien erlebt habe.

Bolivien wurde zu meiner zweiten Heimat neben Deutschland. Ich habe mich in eine Gesellschaft, in ein Land integriert, was mir zuvor komplett fremd war. Ich wurde Paceño. Ich habe in einer Familie gelebt, in der eine Harmonie herrscht, wie ich sie noch nirgends angetroffen habe. Ich habe verdammt gute Freunde gefunden. Die Arbeit in meinen Projekten war sehr schoen. Fuer all das bin ich aeusserst dankbar! Ich bin dankbar fuer das beste Jahr meines bisher noch jungen Lebens.

Hiermit aber will ich mich auch bei euch bedanken, die ihr diesen Blog interessiert verfolgt habt. Ich hoffe, dass ich euch ein moeglichst umfassendes Bild von Bolivien und meinem Leben hier vermitteln konnte.

Jallalla kommt aus der indigenen Sprache Aymara. Jallalla sagt man zu Anstossen. Auf Konzerten wird zwischen den Liedern geschrien: Jallalla Bolivia! Jallalla La Paz! Jallalla sagt man auch, wenn man gluecklich ist und etwas feiert. Fuer mich bedeutet Jallallla so etwas wie eine positive Grundeinstellung zum Leben. Ich habe Jallalla verinnerlicht und zu meinem Lebensmotto gemacht. Ich werde Jallalla immer mit mir tragen. Als Tatoo auf meinem linken Oberarm. JALLALLLA!

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La vida aparte/Das andere Leben

Diesen Artikel habe ich mit Juan Carlos fuer den aktuellen Hormigón Armado (Juli-August) geschrieben und nun fuer euch ins Deutsche uebersetzt.

Augusto Carpio Rodríguez ist 66 Jahre alt. Seit 50 Jahren arbeitet er als Schuhputzer im Zentrum von La Paz. Augusto hat Familie, ist seit 48 Jahren verheiratet, hat 4 Kinder, 9 Enkelkinder und 4 Urenkel. Mit 9 Jahren verlor er seine Eltern und musste sich fortan selbst versorgen. Auf der Strasse putzte er Autos, verkaufte Zeitungen und arbeitete schliesslich als lustrabotas (Schuhputzer). Das Leben auf der Strasse bereits in jungem Alter lernte ihn sich selbst und andere mit den eigenen Haenden zu verteidigen; er kaempfte fuer Lebensraum und Respekt. So kam es, dass Augusto einer der besten Boxer Boliviens wurde.

Viele Menschen gehen davon aus, dass das Leben, der auf der Strasse arbeitenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen nur aus ihrer Arbeit und den negativen Dingen des Lebens, wie den Drogen, der Clefa (Leim, der geschnueffelt wird), dem Alkohol, der Faulenzerei und dem Diebstahl, besteht. Jedoch haben auch diese Personen ein anderes Leben. Auch sie haben das Beduerfnis nach Entspannung und Ablenkung. Viele von ihnen spielen Fussball, machen Musik oder nehmen an kulturellen Aktivitaeten teil. Darueberhinaus besteht auch die Notwendigkeit die berufliche Perspektive zu verbessern: Die Schule zu beenden und eine technische oder akademische Ausbildung zu beginnen.Ein Beispiel fuer vorhandenen Ehrgeiz ist die Fussballmannschaft „Jiska Nacional“ (die Kleine Nationale), die aus Spielern, die auf der Strasse arbeiteten, bestand und die in der ersten Liga Boliviens spielte. Ein anderes Beispiel ist die Teilnahme von Augusto Carpio Rodríguez bei internationalen Box-Turnieren.

Mit 18 Jahren nahm Augusto an ersten, regionalen Turnieren teil. 1964 und 1965 wurde er bolivianischer Meister. Als nationale Nummer Eins vertrat er Bolivien im Ausland. Die Teilnahme an internationalen Meisterschaften war eine Ehre fuer „Papiso“, wie Augusto von seinen Gefaehrten auf der Strasse genannt wurde. „Das Leben als Boxer war schoen.“, sagt Augusto nachdenklich und fuegt hinzu: „…aber es ging nur um die Ehre, Geld habe ich keins bekommen.“ Mit 24 Jahren gab er das Boxen auf, enttaeuscht von der fehlenden Unterstuetzung des Staates. Waehrend er als Boxer Bolivien international vertrat, musste er aus finanziellen Gruenden weiterhin Schuhe putzen. Auch jetzt putzt er noch.

Es ist wichtig das Leben solcher Personen zu kennen und nicht vorschnell zu urteilen. Wir alle haben ein unterschiedliches Leben, haben verschiedene Aktivitaeten und Beduerfnisse. Es waere wichtig unsere Gesellschaft zu kennen und sich ihr gegenueber nicht zu verschliessen, die Ausgrenzung anderer zu vermeiden. Auf dieser Basis gilt es eine tolerantere und verstaendnisvollere Gesellschaft zu bilden.

Der „Papiso“, Augusto Carpio Rodríguez, ist gluecklich. Er ist gluecklich mit seiner Familie, mit seinem „anderen“ Leben, mit seinen Errungenschaften. Doch gleichzeitig ist der Boxer von der Strasse erschoepft: „Ich werde Schuhe putzen bis ich sterbe.“

Pilgerreise ins Neue Jahr

Der Altiplano vor der Cordillera Real

Sonntag. Frueh machen sich Manuel und ich auf den Weg nach El Alto. Dort treffen wir Juan Carlos. Kurz besuchen wird die feria, einer der groessten Maerkte Lateinamerikas. Zum Fruehstueck gibt es Kaffe und Llaucha, eine, mit Kaese gefuellte, Teigtasche. Manuel kauft sich spontan eine nostalgische analoge Spiegelreflex-Kamera der sowjetischen Marke „Zenith“, mit der wir noch viel Spass haben sollten.

Anderthalb Stunden spaeter sind wir auf dem campo, dem Land. Wir besuchen das Dorf, aus dem die Famile von Juan Carlos stammt. Alles ist ruhig, kein Motorengeraeusch stoert uns. Die meisten der wenigen Haeuser sind aus Lehm, die Daecher aus Schilf oder Wellblech. Fuer die Landwirtschaft benutzt man hier Esel und die eigenen Haende. Das hier ist campo campo, laendlicher geht es nicht. Ich fuehle mich zeitlich zurueckversetzt. Mir gefaellt diese Idylle und Ruhe.

Juan Carlos und seine Familie erklaeren Manuel und mir den Herstellungsprozess zweier, fuer den Altiplano typischen, Kartoffelsorten, der chuño und der tunta. Wir sehen die Felder der Familie von Juan Carlos. Sein Grossvater hat diese noch nach tiwanakotischem Vorbild angelegt, einer Kultur, welche das bolivianische Hochland bis ins 13 Jhr. bewohnte. Ein System aus Wassergraeben verhindert, dass die Kartoffeln bei den eisigen Temperaturen des Altiplano gefrieren. Das Wasser wird von der starken Nachmittagssonne aufgewaermt, speichert diese Waerme in der Nacht und haelt so die umliegenden Inseln mit den Kartoffeln warm.

Nach dem Mittagessen, bestehend aus Kochbananen, kaltem Rindfleisch, „normalen“ Kartoffeln und oca, einer weiteren Kartoffelsorte, beschliessen wir drei spontan nach Tiwanaku zu wandern. Dort sollte bei den ersten Sonnenstrahlen am Montag, dem 21. Juni, der solsticio, die Sonnwende, gefeiert werden und damit das Neue Jahr nach dem andinen Kalender beginnen.

Wir finden den Weg, bzw. die Richtung, mittels Durchfragen. „Geht in diese Richtung und in drei Stunden kommt ihr in Tiwanaku an.“, sagt man uns. Anfangs durchqueren wir noch zwei Doerfer und werden spontan zu einem kleinen Dorftreffen eingeladen. Purer Alkohol, verduennt mit etwas Wasser, wird getrunken. Manuel meint, dass wir vielleicht die ersten Gringos sind, die dieses Land betreten. Nach der fiesta kommen keine Haeuser mehr. Fuer den Rest des Weges sind wir ganz allein auf dem Altiplano. Von Zivilisation keine Spur. Im Hintergrund die Andenkordillere und der Lago Titicaca. Alles ist still. Es ist schon dunkel und kalt geworden. Mehr als drei Stunden laufen wir schon. Dann besteigen wir einen Huegel und vor uns liegt Tiwanaku.

In Tiwanaku bereiten sich schon alle auf die Neujahres-Feier vor. Jede Minute kommen mehr Menschen in das Dorf. Bald ist der ganze Platz bevoelkert. Es gibt folklorische Live-Musik. Die Menge tanzt, trinkt und feiert. Es ist extrem kalt. Mitten auf dem Platz stellen wir unser Zelt auf und versuchen etwas zu schlafen. Vielleicht eine Stunde. Dann schliessen auch wir uns der Feier an. Mit Alkohol und Tanz waermen wir uns etwas auf.

Gegen 5 Uhr morgens machen sich alle auf zu den Ruinen der Tiwanaku-Kultur. Manuel und ich stellen uns geschickt an und ueberzeugen die Ticket-Verkaeufer, dass wir Bolivianer sind. Man laesst uns fuer 15 Bs, statt den 80 Bs fuer Auslaender in die Ruinen. Kurz nach 6 Uhr beginnt das Warten auf den Sonnenaufgang. Aufgrund der ausgekleugelten Architektur der Ruinen, sollen die ersten Sonnenstrahlen direkt durch ein Tor fallen und damit das Jahr 5518 beginnen. Leider ist jedoch der Himmel bewoelkt und die Sonne kommt zu spaet durch. Ein Ritual fuer den Sonnengott Inti wird gehalten. Praesident Evo Morales richtet ein paar Worte an die Menge, bricht aber ab als er merkt, dass er sich nicht mehr allzu grosser Beliebtheit unter den Bolivianern erfreut. Erschoepft und todmuede verlassen wir die Feier und fahren mit dem Bus nach La Paz. Diese kleine Reise in das neue Jahr war fuer mich etwas ganz Besonderes. Wie Pilger haben wir den Altiplano durchquert und vielleicht das erste Mal so richtig den bolivianischen campo wahrgenommen.

Evangelischer Party-Fundamentalismus

Ein Saal voller Menschen. Live-Musik. Die Menge tanzt, singt, schreit und scheint gluecklich. Viele richten ihre rechte Hand gen Himmel. In einer Ecke steht, kaum zu bemerken, ein kleines weisses Kreuz.

Ich war gestern in der Kirche Kairos. Kairos ist eine „neue“, protestantische Kirche. Die Kinder der Alalay-Heime muessen diese Kirche regelmaessig besuchen. Dort lernen sie dann Gottes Liebe und den Gehorsam ihm gegenueber, die Bibel als die einzige Wahrheit anzuerkennen, die Evolutionstheorie zu leugnen oder Homosexuelle zu diskriminieren.

In Deutschland habe ich gedacht, dass die Menschen in Bolivien ueberwiegend eine Mischung aus Katholizismus und traditionellen Religionen praktizieren. Doch das trifft nur bedingt und eher fuer die (aermere) Landbevoelkerung zu. Kairos ist nur eine der „neuen“ Kirchen in Bolivien. In den letzten zehn Jahren sind sie hier alle aus dem Boden gesprungen: Mormonen, Methodisten, Adventisten, Zeugen Jehovas etc. In jedem Stadtviertel gibt es mehrere solcher Zentren. Viele Bolivianer besuchen sie. Taeglich sind es mehr. Alalay folgt streng der Kairos-Linie. Mein Gastonkel und seine Familie bringen sich immer mehr in einer dieser Kirchen ein. Die Schule meiner Gastschwester ist an eine methodistische Kirche angegliedert. Und kuerzlich wurden wir bei Freunden mit der Absicht, uns von der Kraft und Energie eines „adventistischen“ Zentrums zu ueberzeugen, zum Essen eingeladen.

Der Gottesdienst in Kairos hat nichts mit einem katholischen Gottesdienst zu tun. Alles ist auf locker, trendig gemacht, die Leute sind vorwiegend jung und aus wohlhabenden Familien (ausser den Alalay-Kindern). Man fuehlt sich eher auf einer Party als im Gottesdienst. Vor allem vielen jungen Menschen gibt diese Glaubensrichtung Halt. Sie haben Probleme, wenden sich zu Gott, er schenkt ihnen Liebe und alles ist gut. Sie geben an, eine spirituelle Kraft zu erfahren, die ihnen „neues Leben“ schenkt. Sie entscheiden sich fuer die Bibel und den Señor und sind davon nicht mehr wegzubringen. Hier entsteht Fanatismus. Wer alles aus der „Heiligen Schrift“ fuer bare Muenze haelt, verschliesst seine Augen vor der Gegenwart und Realitaet. Auf diese Weise bildet sich beispielsweise Diskrimination gegen Homosexuelle heraus. Wissenschaftlicher Lehren werden geleugnt. Die evangelische Kirche wurde im Zuge der Reformation letztendlich mit der Absicht gegruendet, eine liberalere Kirche als die hierarchische Katholische zu sein. In Bolivien hat sich das ins Gegenteil gewendet. Hinter dem liberalen, modernen, „neuen“ Mantel verbirgt sich hier Fundamentalismus. Ich behaupte das ist eine Gefahr.

In ganz Lateinamerika ist dieser protestantische Fundamentalismus auf dem Vormarsch. Bekanntlicherweise sollen „arme“ Gesellschaften besonders anfaellig fuer Extremismus und Fundamentalismus sein. Wenn man nun bedenkt, dass diese „neuen“ Kirchen ihren Ursprung in den USA haben, kommt man nicht umhin sich die Frage zu stellen: Haben wir es hier mit einem neuen Mittel des Imperialismus zu tun?

Die Zebras von La Paz

Die Leute von La Paz muessen noch viel lernen. Das ist jedenfalls die Ansicht der Stadtverwaltung. Die Paceños halten nicht sehr viel von Verkehrsregeln, auf den Strassen poebeln sich die Leute an und viele gehen mit Alkohol nicht „angemessen“ um. Um die Paceños ein bisschen zu erziehen, gibt es bereits seit neun Jahren das Programm der Zebras. Heute war ich Zebra.

Jugendliche, die etwas dazu verdienen oder einem guten Zweck dienen wollen, verkleiden sich als Zebras oder, seltener, als Esel. Sie erhalten eine kleine Ausbildung und gehen auf die Strassen. Dort regeln sie hauptsaechlich  den Verkehr oder fungieren als „Erzieher“. Dabei sind die Zebras das gute Beispiel und die Esel, diejenigen, die den Leuten ironisch ihr Fehlverhalten vor Augen fuehren sollen. Zebras schauen zum Beispiel, dass die Ampelregelungen eingehlaten werden und Esel rennen denen hinterher, die eben das nicht tun.

Schon lange hatte ich mir vorgenommen einen Tag als Zebra in den Strassen von La Paz fuer Zucht und Ordnung zu sorgen. Heute gings dann also ran. Zuerst wurden wir kurz eingewiessen, dann bekamen wir die Kostueme und mussten warten. Wie fast jeden Tag in La Paz, gab es auch heute eine Demonstration im Zentrum. Da wollten sie uns Zebra-Neulinge nicht springen lassen. Mit Verzoegerung gings dann also raus aufs gefaehrliche Terrain.

Kleine Kinder, die ihrer Mam zurufen: „Guck mal, ein Zebra!“ Natuerlich streichelt man sie dann oder laesst sich streicheln. Immer locker bleiben. Laessiger Wipp-Schritt. Dann die Strassenecke X, mein Einsatzgebiet. Ich, das Zebra. Die laufende Ampel (die eigentliche wird naemlich sonst kaum beachtet). Autos anhalten, Autos durchwinken. Fussgaenger ueber die Strasse begleiten. Alte Menschen stuetzend. Kinder belustigend.  Dabei kaum etwas sehen, da die Maske die Sicht auf schaetzungsweise 40º beschraenkt. Immmer die Ampel im Blick haben und manchmal aus Versehen Leute anremplen. … Der Job ist nicht so einfach, wie man denkt. Das Kostuem ist heiss, man sieht nicht viel, muss staendig auf alles achten und ist, wenn man damit nicht ganz klarkommt, eben oft nicht immer Vorbild. Aber Zebra sein ist lustig und eine gute Erfahrung. Vielleicht war ich nicht das beste Zebra, aber es gibt ja zum Glueck auch welche mit jahrelanger Erfahrung. Ein Hoch auf die Zebras von La Paz!!

Happy Birthday und Judenvernichtung

Mein heutiger Tag war gepraegt von zwei starken Erlebnissen. Einem erfreulichen und einem erschreckenden.

Mein hiesiger abuelito (Opa) , Don Juan, feierte seinen 90. Geburtstag. Dazu fand sich die ganze Grossfamilie ein. Seine Geschwister, Soehne mit Familie, Enkel, Urenkel, Neffen und Nichten. Wir waren rund 40 Personen.

Die Grossfamilie Carrasco gehoert nach meinen Beobachtungen zur mittleren/gehobenen Schicht Boliviens. Alle haben eine gute Bildung, verfuegen ueber ein gewisses Vermoegen, sind aber nicht so reich wie die Villenbesitzer in der Zona Sur. Anfangs unterstuetzten sie Evo Morales, sind aber jetzt groesstenteils von seinem politischen Kurs enttaeuscht. Sie sind stolz, aber nicht zu stolz auf ihr Land. Die meisten Sachen kaufen sie auf den Strassenmaerkten, goennen sich aber auch mal den Gang in den Supermarkt oder in auslaendische Modegeschaefte. Die Grossfamilie Carrasco ist weltoffen und schaetzt leichten kulturellen Einfluss von ausserhalb.

Man haelt einige Geburtstags- und Dankesreden auf Don Juan. Danach stimmt man das, auf der ganzen Welt einheitliche, Geburtstagslied an. Doch anstatt der spanischen Version, singt man Happy Birthday. Ich bin leicht enttaeuscht, bis man in der zweiten Strophe auf das spanische Feliz Cumpleaños wechselt. Diese Strophe singt man schneller und klatscht dazu. Die Gaeste laecheln mehr, scheinen froehlicher und sind offenbar gluecklich darueber, nun in ihrer Muttersprache zu singen. Die englische Strophe scheint wie eine Pflicht gewesen zu sein, die spanische dagegen der richtige Geburtstagsglueckwunsch. Unwillkuerlich strahle ich ueber das ganze Gesicht. Diese simple Szene macht mich gluecklich. Sie zeigt, dass US-amerikanische Soft Power zwar ihren Einfluss hat, das wahre Gesicht der Carrascos aber durch und durch bolivianisch ist. Dass Don Juan in Wahrheit erst 89. wurde, passt da gut dazu.

Nach der Geburtstagsfeier gehen meine Gastfamilie und ich zu einer Freundin zum Kaffeetrinken. Bei dieser logiert derzeit auch ein pensionierter Onkel. Er ist Arzt, hat lange in Brasilien gelebt und gearbeitet, kennt den Kontinent gut und veroeffentlicht in wenigen Tagen sein Buch Sozialismus und das 21. Jahrhundert, fuer das er anscheinend 40 Jahre lang recherchiert hat. Dieser Onkel sitzt mit uns am Kaffeetisch und bestimmt bald das Gespraechsthema.

Don Daniel, der Onkel, redet ueber das, was in seinem Buch steht. Ueber Kolonialismus und Imperialismus, Globalisierung, Kommunismus, die politischen und wirtschaftlichen Strukturen Suedamerikas und darueber, dass China den USA bald den Rang als Wirtschaftsmacht Nummer Eins ablaeuft. Don Daniel redet gut, anschaulich, mit persoenlichen Erfahrungen und huebschen Zahlen und Fakten versehen. Auch wenn der Inhalt fuer jemanden, der sich mit Politik und Geschichte einigermassen auskennt, nichts Neues bringt, gefaellt mir das Gespraech.

In Bolivien ist der Schulunterricht in Geschichte sehr auf das eigene Land und den eigenen Kontinent beschraenkt. Ueber den 2. Weltkrieg lernt man sehr wenig oder gar nichts. Man kann Schueler mit dem Hakenkreuz auf dem Rucksack sehen und Mein Kampf in den Buchhandlungen kaufen. Bei manchen Bolivianern spuert man, mangels ausreichendem Wissen, eine latente Bewunderung fuer Nazi-Deutschland. Nach dem 2. Weltkrieg haben sich einige Nazis in Bolivien niedergelassen. Einer von ihnen, Klaus Barbie, hat es hier bis zum Polizeichef gebracht.

Don Daniel beschimpft den US-amerikanischen Imperialismus. „Und wer regiert die Amerikaner? Der Jude!“ Die Juden seien an allem schuld. Sie kontrollieren die Weltwirtschaft und -politik. Ich widerspreche. Das Gespraech wird heftiger. Ich hoere: „Vielleicht hat Hitler es doch richtig gemacht.“ Ich widerspreche und verzweifle. Ich werde wuetend und traurig. Nach dieser Episode kann ich nicht mehr sprechen. Ich starre fassungslos vor mich hin. Dieser locker vorgetragene Antisemitismus laehmt mich. Ich kann kaum erklaeren, was es fuer einen Deutschen, der dieses Kapitel deutscher Geschichte fuer das schrecklichste der Weltgeschichte haelt, bedeutet, so etwas zu hoeren. In Bolivien gibt es leider einige Tendenzen zum Antisemitismus. Und es sind vor allem die „Intellektuellen“, die ihn vertreten.

Death or Dream Road?

Eine meiner Leidenschaften kam hier in Bolivien bisher zu kurz: Das Mountainbiken. Ich sass bis gestern waehrend der ganzen Zeit hier noch auf keinem einzigen Radsattel. In La Paz sind die Strassen eng und bevoelkert, der Verkehr ist chaotisch und die Ueberlebenschance strebt gen Null. In La Paz faehrt man nicht Fahrrad. Jedoch gibt es die beruehmte „Death Road“ (camino de la muerte) hinunter in die Yungas. Reiseagenturen bieten eine Fahrt mit dem Bike auf dieser spektakulaeren Strasse an. Gestern bin auch ich dort hinunter.

Steiler Schotterweg. Keine Leitplanke. Auf der Talseite geht es 300 – 400 m fast senkrecht hinunter. Dass die Ueberlebenschancen auf dem camino de la muerte aehnlich sind wie die in La Paz, zeigt folgendes Zitat unseres Guides vor der Abfahrt: „Also gut, ihr seid alle Jungs, dann kann ich es euch sagen: Vor neun Tagen ist eine israelische Touristin mit dem Bike von der Death Road abgekommen, 150 m in die Tiefe gestuerzt und gestorben.“ Spaeter sollte er uns noch die Todesstelle zeigen. Insgesamt sind auf dem camino elf Biker in den letzten drei Jahren gestorben.

Wir starteten auf 4700 m. Der erste Teil der Strecke fuehrte ueber eine normale Asphaltstrasse. Immer runter. Dann kam die eigentliche Death Road. Wir hatten schoenes Wetter und eine gigantische Aussicht. Nach den ersten Metern war ich in meinem Element. Seit acht Monaten wieder Bike-Spass. Arsch nach hinten, Sattel zwischen die Schenkel, fast ausgestreckte Arme, stets zwei Finger an den Bremsen, Blick ca. 7 m nach vorne… und runter. Ein einzigartiger Downhill. Ich habe die Fahrt so genossen, dass der gefaehrliche Aspekt der Sache fast nie in meinen Kopf vordrang. Die Tour endete auf 1100 m. Wir sind von den Andenhoehen 3600 m hinunter in die Subtropen gesaust. Danach: Mittagessen, Dusche und das wohlverdiente Bier am Pool!

Fuer mich war die Death Road nach so langer Bike-Abstinenz eine Dream Road. Am 9. Mai findet in der Umgebung von La Paz ein Mountainbike-Rennen statt. Einer der Guides von gestern wuerde mir ein Rad leihen und mit mir trainieren. Ich bin heiss. Mal sehen, was daraus wird…