Salz, Flamingos und die Digi−Cam

Wird mal wieder Zeit. Das mit dem Blogschreiben ist so eine Sache. Mal hat man Zeit, aber keine Lust oder Idee. Dann ist es wieder umgekehrt. Oder man hat Lust, Zeit und Idee, aber keine Moeglichkeit. Mal schreibt man einen Text, ist damit nicht zufrieden und deshalb fast froh, wenn dann ploetzlich alles aus irgendeinem Grund verlorengeht…. Doch nun zur Sache.

Seit fast zwei Wochen ist bei mir hier in Bolivien ein Teil aus der deutschen Heimat. Meine Eltern und Lucas sind zu Besuch! Nachdem sie die ersten Tage La Paz geniessend, anschauend und ausprobierend verbracht haben, sind wir vergangene  Woche auf einer kleinen Tour durch Bolivien gewesen. Das Ziel war der beruehmte Salar de Uyuni (von allen als das Highlight Boliviens empfohlen) und der Suedwesten Boliviens.

Der Salar de Uyuni ist mit ca. 12 000 km2 die groesste Salzwueste der Welt. Als sich damals die heutige geographische Struktur unserer Erde gebildet hat, wurde bei der Andenbildung ein Stuck Meer hochgehoben, ist ausgetrocknet und hat diese reissige, unwirkliche, ebene weisse Flaeche hinterlassen. Im Salar verliert man das Gefuehl fuer den Raum. Die Dimensionen loesen sich fuer das menschliche Auge auf. Hier hat die Natur etwas ganz Einfaches und gerade deswegen unnatuerlich wirkendes geschaffen. Nachdem wir die erste Nacht in einem Hotel aus Salz geschlafen haben, ging der Trip die beiden weiteren Tage Richtung Sueden ueber Vulkane, Wuesten, bizarre Steinformationen, Flamingo−Lagunen, Geysire und heisse Quellen.

Drei Tage hat uns der lustige Guide Elias mit seinem Toyota−Jeep durch diese fast menschenleere Gegend (wenn man von den Touristen absieht) ueber Salz−, Schotter−, Geroell− und Staubpisten gefahren. Es waren drei Tage in wunderschoener Natur, in die der Mensch bisher kaum vorgedrungen ist. Doch auch wenn das alles urspruenglich wirkt/ist, bleibt eine Tatsache gewiss: Der Durchschnittstourist nimmt diese Natur−Schoenheit erst durch das Display seiner Digitalkamera wahr.

Hormigón Armado

Ich arbeite gerade an einer Bar. Doch leider sind die Drinks dort nicht fuer mich, ich benutze nur den Computer.

Seit drei Wochen arbeite ich in der Fundación arte y culturas bolivianas. Neben einem Restaurant, einem Café und einer Kunstaustellung, gehoert auch der Hormigón Armado (Armierter Beton), „eine kulturelle Zeitung der Schuhputzer von La Paz“, zu dieser Siftung. Ich arbeite fuer den Hormigón und als Arbeitsplatz dient mir die Bar im Restaurant.

Jeden Samstag um zehn Uhr morgens kommen lustrabotas (Schuhputzer) in die Fundación arte y culturas bolivianas. Dort nehmen sie in der Regel an talleres (Workshops) teil. Danach werden Exemplare der Zeitung an die lustrabotas verteilt. Fuer 4 Bs wird eine Zeitung verkauft. Der Schuhputzer erhaelt davon 3 Bs; 1 Bs muss er an die Fundación zurueckgeben, damit der Druck bezahlt werden kann. Insgesamt sind rund 40 Schuhputzer in diesem System der sozialen Hilfe. Wenn Zeitungen vorhanden sind, kommen fast alle. Wenn nicht, nur wenige. Die lustras moegen den Homigón und sind der Stiftung sehr dankbar.

Themen des Hormigón Armado sind: Leben der lustrabotas/auf der Stasse, Umwelt, andere soziale Projekte, Zeitgeschehen und bolivianische Kultur. Aus der politischen Meinungsdiskussion haelt sich das Magazin weitgehend heraus.

Mir gefaellt die Arbeit. Montags und Dienstags bin ich an der Bar oder fuer den Hormigón unterwegs. Gelegentlich auch Samstags. Mittwochs und Donnerstags arbeite ich nach wie vor im Alalay Eguino.

Bevor ich mich in dieses Projekt eingegliedert habe, wurde die Zeitung fast im Alleingang vom Sohn der Chefin der Fundación gemacht. Dieser ist nun nach Neuseeland gereist und wird dort fuer ein Jahr leben und arbeiten. Von „Down Under“ will er weiterhin fuer den Hormigón arbeiten, allerdings ist das, allein schon aufgrund der Logistik, schwierig. Ansonsten bin ich nun, abgesehen von Gelegenheits-Helfern, auf mich allein gestellt.

Vergangenen Samstag ist die Ausgabe Maerz-April erschienen. Nun habe ich zwei Monate Zeit um mich in Grafik- und Designprogramme einzuarbeiten, Artikel selbst zu schreiben oder zu organisieren (bzw. halblegal aus dem Internet zu nehmen) und schliesslich 28 Seiten zu gestalten. Das ist eine Herausforderung fuer mich. Und eine gute und erfuellende Erfahrung.

Carnaval de Oruro

Vorab: Karneval oder Fastnacht in Deutschland habe ich nie gemocht. Ich kann nichts mit diesem „Komm hol das Lasso“-Zeug anfangen und mit dem bisschen Tradition, die es wohl auch noch gibt, bin ich schlichtweg nicht aufgewachsen.

Am Wochenende war Carnaval de Oruro. In Oruro, einer sonst nicht sehr bedeutenden Stadt auf dem Altiplano, gibt es den groessten Carnaval Boliviens.  Ein Muss fuer jeden, der sich zu dieser Zeit in Bolivien aufhaelt. Die Stadt ist voll mit Menschen aus dem ganzen Land, nur auf die Oruños selbst trifft man fast nicht. Entweder sie tanzen oder gehen unter den Paceños, Cochabambinos und Cruceños einfach unter.

Nun erwartete mich also Folgendes: Volle Strassen, Bier, Schaumschlacht, 10-Minuten-Freunde, an der Entrada, dem Strassenumzug, ankommen, Bier, Tinku (farbenfroher Kampftanz aus Potosí), Morenada aus La Paz, zum Bier eingeladen werden, Versuch selbst zu tanzen, als gringito oder choco (Hallhaariger) gefeiert, Toba aus dem Amazonasgebiet, Bewunderung fuer die Taenzer, die 4 Stunden durchspringen muessen, Bier, 2-Stunden-Freunde, Wasserbombenschlacht ueber die Strasse hinweg, Los Caporales de San Simón, elektrisiert von diesem Tanz und der beruehmtesten Tanzschule Boliviens, auch von den fast gaenzlich freien Frauenbeinen, Bier, Wunsch selbst einmal Caporal zu tanzen, Schaum- und Wasserbombenschlacht, Bock (Starkbier), Hand-Beso von einer Caporal-Taenzerin auffangen, Tanzstunde mit 2-Stunden-Freunden, Diablada aus Oruro, Bier, Schaum…

Der Carnaval de Oruro hat mich fasziniert. Ich bin begeistert von der Art, wie Bolivianer den Karneval feiern. Begeistert von der Tradition, die hier spuerbar wird. Und davon wie sich Bolivianos selbst dafuer begeistern. Dieser Karneval ist ganz besonders, weil er die Geschichte eines Landes verkoerpert und nicht wie so oft in Deutschland ein blosser Grund um sich zulaufen zu lassen oder in Rio ein Contest, wer die meiste nackte Haut zeigt, ist. Es ist nicht abwegig zu behaupten, dass dieser Karneval in einigen Jahren ebenso beruehmt ist wie der in Rio.

Seit dem Karneval fuehler ich mich noch staerker mit Bolivien verbunden. Yo amo a este país. Und ich bin stolz selbst am kommenden Sonntag fuer mein Bolivien tanzen zu duerfen.

¡Disfrute el tiempo!

„Why wait any longer for the world to begin?

You can have your cake and eat it, too.“

– Bob Dylan

Wie bereits in einem frueheren Artikel gesagt: El tiempo pasa rápido. Sie vergeht schnell, die Zeit. Vielleicht zu schnell? Glaube ich nicht. Wenn man denkt, die Zeit vergeht zu schnell, dann begegnet man ihr nicht mit dem noetigen Respekt. Genauso wie ich mein Essen oder ein gutes Buch geniesse, muss ich auch die Zeit geniessen. Und wenn man sie einfach nur so an sich vorbeiziehen laesst, wird es schwierig sie zu geniessen. Die Zeit gibt dir den Genuss erst dann, wenn du sie bewusst erlebst. Du musst sie auskosten, jeden Moment.

Schon vor dem Trip durch Argentinien war mir klar, dass ich danach nicht mehr nur im „Alalay Eguino“ arbeiten will. Die Arbeit dort wuerde auf Dauer nicht erfuellend sein. Nun habe ich aus eigener Initiative beim „Hormigón Armado“ (Armierter Beton), der Schuhputzer-Zeitung in La Paz, zu arbeiten angefangen. Vieles ist dort zwar etwas chaotisch, bietet mir aber genau deshalb grosse Moeglichkeiten mich selbst einzubringen. So arbeite ich nun in zwei Projekten. Auch im „Eguino“ fuehle ich mich nicht so unmotiviert oder gelangweilt wie phasenweise in der Weihnachtszeit. Dass ich dort jetzt auch mehr konkrete Arbeit habe, bzw. mir sie selbst schaffe, kann nur an der gesteigerten Motivation liegen. Schon oft hatte ich mir vorgenommen Gitarre zu lernen. Seit gestern habe ich nun dreimal die Woche Unterricht. Auch lese und schreibe ich jetzt mehr. Spanisch lerne ich effektiver. Und meine hiesigen Freunde und die woechenendlichen Partys kamen bisher auch nicht zu kurz.

Was ich im letzten, sehr kurzen, Blogeintrag bereits angekuendigt habe: Ich fuehle mich gluecklich und zufrieden. Derzeit ist jeder Tag ausgefuellt. Und die Zeit? Sie vergeht zwar schnell, aber wenn ich zurueckschaue, bin ich doch froh, dass ich sie genutzt habe. Dass ich versucht habe, sie bewusst zu erleben. Ich will so weitermachen. ¡Disfrute el tiempo!

Ausdruck fuer Glueck und Zufriedenheit

On the road

Tarija, Bolivien. Ich bin zurueck in meinem Wahlheimatsland. 16 Tage Argentinien liegen hinter mir.

Unsere Reise haben Veronika und ich im Norden Argentiniens begonnen: Salta. Eine huebsche, ruhige Stadt, aus der die Salteñas, die in La Paz beruehmten, mit Fleisch gefuellten Teigtaschen, herkommen. Die naechste Station hiess Córdoba, Argentiniens zweitgroesste Stadt. Dort hatten wir die Gelegenheit bei Argentiniens groesstem Gaucho-Festival dabei zu sein. Die Sensation war natuerlich das Rodeo-Reiten. Leider ist zwei Tage spaeter bei eben diesem Festival ein Gaucho unter die Hufen gekommen und gestorben. Von Córdoba ging unser Weg ueber Bahía Blanca, eine Kuestenstadt am Atlantik, weiter nach Puerto Madryn zum Naturreservat der Península Valdés. Am Anfang Patagoniens gelegen, bietet diese Halbinsel eine Flora und Fauna, wie man sie in Europa oft vergeblich sucht. Fuer uns Touristen war die groesste Attraktion selbstverstaendlich die kleinen, lustigen, “suessen” Magellan-Pinguine.

Von der Natur in die Stadt: Als naechstes stand Buenos Aires, das “Paris des Suedens”, die Welthautstadt des Tangos und vielleicht die modernste Stadt Suedamerikas, auf dem Programm. Interessante Architektur aus allen Epochen seit der Besiedelung, eine multikulturelle Grossstadt-Atmosphaere, das beste Rindfleich der Welt und ein heisses Nachtleben erwartete uns. Gleich am ersten Tag machte ich die Bekanntschaft eines Porteño, so werden die Leute aus Buenos Aires bezeichnet. Er fuehrte uns die ersten beiden Tage in die Stadt ein. Danach unternahmen wir viel mit den Leuten aus unserem Hostal. Wir bildeten eine multikulturelle Grossfamilie: Englaender, US-Amerikaner, Israelis, Kolumbianer, Argentinier, Schotten, Australier, Brasilianer, Deutsche, Schweizer, Schweden… Diese bunte Konstellation ermoeglichste eine lockeren und intensiven interkulturellen Austausch. Ich habe dort viel gelernt.

Reisestrecken in Europa kommen einem fast laecherlich vor, wenn man in den Weiten des suedamerikanischen Kontinents auf dem Land unterwegs ist. Busfahrten zwischen 10 und 20 Stunden sind hier alltaeglich, wenn man reist. Mein Rueckweg nach Bolivien hat 35 Stunden gedauert. Das klingt schlimmer als es ist. Inzwischen kann ich fast auf Knopfdruck im Bus einschlafen.

Heute Nacht fuehrt mich die Reise weiter nach Sucre, die formale Hauptstadt Boliviens. Von dort werde ich voraussichtlich die Minen des Cerro Rico, des Silberbergs, in Potosí besuchen, bevor es auf das Halbjahres-Camp von ICYE, ebenfalls in dieser Region, und schliesslich zureuck nach La Paz geht.

Das Andere im Gleichen

Ein alter Reisebus. Er haelt auf einer verlassenen Schotterstrasse. Zwei junge Maenner steigen ein, ziehen Pistolen und rauben den Bus aus. Ein Fahrgast wird angeschossen.

Die Anfangsszene aus dem kolumbianischen Film El Angel del Acordeón, den wir auf einer der langen Busfahrten durch Argentinien gesehen haben. Meine Reisegefaehrtin meint danach, dass sie ebensolche Situationen mit Suedamerika assoziiert hat, bevor sie hierher kam. Doch wir fahren mit einem klimatisierten, modernen, bequemen, sicheren Doppeldeckerbus auf asphaltierten Schnellstrassen durch Argentinien. Das will so gar nicht zu dem passen, was man sich unter „Suedamerika“ vorstellt.

Argentinien ist europaeisch. Und oft modern. Hier gibt es Autobahnen, moderne Shell-Tankstellen, Taxis mit Kilometerzaehler und ordentlich verputzte Haeuser. Selbst die Landschaft im Innland erinnert nicht selten an Mitteleuropa. Soweit der Eindruck aus dem Reisebus. Die Menschen erscheinen modebewusst, offen, modern und, vor allem, sehr selbstsicher. Spuren einer „kolonialen Unterwuerfigkeit“ konnte ich bisher nicht erkennen. Mir kommt es so vor, als ob das „Land der Gauchos“ seine Vergangenheit gut bewaeltigt hat und jetzt in der Gegenwart angekommen ist.

Anders Bolivien. „In Bolivien gibt es keine Entwicklung. Das Land ist fuenzig Jahre hintendran.“ – so das Urteil einer Argentinierin in Salta. Die Busse sind nicht so modern in Bolivien. Die Strassen nicht immer asphaltiert und schnell. Tankstellen sind in Privatbesitz und mit dem Taxifahrer wird vor der Fahrt ueber den Preis verhandelt. Cholitas, die Marktfrauen, sind nicht westlich-modern gekleidet.Viele Bolivianer begegnen den Gringos, den Hellhaeutigen aus dem Norden, mit Demut. Wenn die Empleada, die Hausangestellte sich konzentriert den Blick beim Essen stets starr auf den eigenen Teller zu richten, hat das wenig mit Selbstbewusstsein zu tun. Dass Bolivein sich tatsaechlich so stark von Europa unterscheidet, wir mir erst hier, in Argentinien, richtig bewusst. Ob das uebrigens positiv oder negativ ist, sei dahingestellt. Bolivien hat im Vergleich zu Argentinien mehr aus der Vorkolonialzeit bewahrt.

Und trotzdem fuehle ich mich in Bolivien heimisch. Von Anfang an, kam mir alles so vertraut vor. Nichts erschien mir wirklich fremd. Vielleicht liegt das an der offenen Einstellung, mit der ich nach Suedamerika kam. Fuer dieses Gefuehl des Vertrauten kann ich jetzt, mit der Erfahrung der gleichzeitigen Verschiedenheit, nur einen geeigneten Ausdruck finden: Das Andere im Gleichen.